Theorie > Anforderungen an einen hör- und zuhörfördernden Unterricht

Zuhöratmosphäre schaffen

Ein Unterricht, in dem man darauf vertrauen kann, dass einem zugehört wird, der Raum für Gespräche und Nachfragen lässt, unterstützt den verständnisorientierten Wissenserwerb.

Doch häufig unbeabsichtigt gestalten Lehrer ihren Unterricht zu inhalts- und leistungsbezogen, statt verständnis- und lernorientiert, wie Untersuchungen zeigen (vgl. Dweck 1996, Weinert 1998). Unbewusst verhindern Lehrer und Lehrerinnen eine "Zuhöratmosphäre" oder geben kein Zuhörvorbild ab, z.B. durch ihr eigenes Verhalten in Gesprächssituationen mit Unterbrechen, ins Wort fallen und anderer "Verstöße" gegen die Gesprächsführungsregeln (vgl. Claussen 1997).

Gestaltung der Lernumgebung

Die Gestaltung der Lernumgebung kann viel zur Steuerung der Aufmerksamkeit beitragen (vgl. Wickens 1989,99ff.). Denn die Steuerung der Aufmerksamkeit ist nicht nur von persönlichen Faktoren abhängig, wie z.B. von Verständnis, Motivation oder metakognitiven Fähigkeiten (vgl. Lauth/Schlottke 1995,10; Schöll 1997,4 ff.). Zur Lernumgebung gehören zum einen die Gestaltung des Unterrichts als auch die raumakustischen Gegebenheiten, und zwar sowohl des Klasssenraumes als auch der Schule insgesamt.

Dramaturgie des Unterrichts

Bei der Gestaltung eines zuhörfördernden Unterrichts spielt zum einen die "Dramaturgie" des Unterrichts eine Rolle. Ein Unterricht mit klaren "Zuhör- und Weghörzeiten", also einmal zur Aufnahme und einmal zur Verarbeitung von Gehörtem, kann den Kindern sicher das time-sharing zwischen tätigkeitsbezogener und geschehensorientierter Aufmerksamkeit erleichtern.

Strukturierungshilfen können z.B. "listening organizer" wie Schlüsselwörter, Formulierungen, Kurzschilderungen eines Ereignisses oder Zuhörrituale sein (Kahlert, in Huber u.a. 2000,16). Sie lenken die Aufmerksamkeit und stimmen auf das Kommende ein, um "antizipierendes Zuhören" zu ermöglichen.

Bedeutung der Sprache

Zum anderen kommt bei der Gestaltung eines zuhörfördernden Unterrichts der Sprache eine große Bedeutung zu, da Informationsvermittlung im Unterricht hauptsächlich über Sprache läuft. Hier spielen gerade der Einsatz der paraverbalen und nonverbalen Mittel eine Rolle, wie Gestik, Mimik, Stimmmodulation, Stimmverhalten.

Wirkung der Stimme

Der Wirkung des Stimmverhaltens des Lehrers auf die Aufmerksamkeit der Kinder und ihre Zuhörbereitschaft wird in der pädagogischen Forschung und Praxis noch kaum beachtet. Dabei zeigen Untersuchungen eine enge Wirkung zwischen stimmlichen Eigenschaften und der pädagogischen Effektivität (vgl. Schmidt/Andrews/McCutcheon 1998, zitiert in Grothe, in Huber u.a. 2000,70). Sprechmelodie und rhythmische Gliederung beeinflussen die Aufnahme und das Behalten z.B. von Texten (Heilmann 1994, zitiert ebd.). Schüler von Lehrern mit Stimmstörungen verhalten sich im Unterricht mehr passiv oder negativ (vgl. Greifenhahn 1987). Die Bedeutung der Stimme für das Verhalten der Schüler ist vielen Lehrern und Lehrerinnen durchaus bewusst (vgl. Untersuchungen von Barthen, zitiert in Nienkerke-Springer 1997,212).

Raumakustik

Viele Klassenräume sind von ihrer Akustik her nur unzureichend für Sprachvermittlung geeignet (Harriott-Watt-Studie 1999). Große Nachhallzeiten und ein hoher Schallpegel vergrößern die Lärmbelastung und verringern die Sprachverständlichkeit, was sich auf Leseleistung, Textverständnis und generell auf die Aufmerksamkeit der Kinder auswirkt (vgl. Schick u.a. 1999).


Verständigung über die Klanglandschaft Schule

Über die physikalische Vermessung hinaus ist im Sinne der Akustikökologie (vgl. Schafer 1988, 1993) die Auseinandersetzung mit der Wirkung akustischer Ereignisse auf den einzelnen gemeint, die Verbindung von akustischen und sozialen Gegebenheiten: Was sagen die für die Schule typischen "soundmarks" wie z.B. Klingelzeichen, Pausengeräusche über das soziale Klima, den Respekt voreinander aus? Und wie können wir sie im Sinne einer angenehmen akustischen Atmosphäre gestalten?


Die Gestaltung der schulischen Klanglandschaft mit künstlerischen und akustischen Mitteln dient der Förderung des Hörens als ästhetisch-kritischem Vermögen.

Akustisch gestaltete Schule

Die Leitidee einer akustisch gestalteten Schule im Rahmen von Schulentwicklung und -profilbildung kann durch die Erkenntnisse und Mittel der Klangforschung, der Klangkunst, des Akustikdesign und in Zusammenarbeit mit Musik und Informatik in die Praxis umgesetzt werden. Dies trägt zur Schaffung einer sozial-kommunikativen Atmosphäre bei.

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