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Um was geht es in dem Baustein Musik?

"Vielen Kindern fehlen nur die ästhetischen Kategorien, um mit Musik umzugehen. Wir müssen den Kindern die Angst nehmen vor dem Nichtverstehen verstehbarer Musik."
(Hans Günther Bastian, Interview in der Zeit Nr 15, 6.4.00).

Zusammenarbeit mit Komponisten und Musikern

Die Förderung des differenzierten Hörens hat im Fach Musik traditionell ihren Platz. Darüber hinaus werden Möglichkeiten geschaffen, über "Klangnetze" (Schneider 1997) - das heißt über die Zusammenarbeit mit Komponisten und Musikern - den Kindern verschiedene Aspekte von Musik näherzubringen.

 

Aktive Auseinandersetzung mit Musik

Im Mittelpunkt steht die aktive Auseinandersetzung, das Musikmachen und Musikerfinden, um Verständnis zu wecken für Material und Form, Improvisation und Kompositionstechnik, musikalische Kommunikation, Klangfarbe, Geräusch und Umgang mit technischen Medien wie Computer, Synthesizer oder Video.

 

Erweiterung des Hörhorizontes

Unterschiedliche Hörerfahrungen und Hörwelten treffen dadurch aufeinander und erweitern den Hörhorizont der Kinder. Gerade Kinder im Grundschulalter stehen Neuem aufgeschlossen gegenüber und haben noch keine Hörbarrieren aufgebaut. Sie befinden sich in einem musikalischen Entwicklungsstadium, in dem eine gezielte Förderung die größte Wirksamkeit zeigt (vgl. Gordon 1981).

Die direkte Auseinandersetzung mit Musikern und einer ungewohnten Musik fördert Kompetenz bezüglich der eigenen Hörgewohnheiten und Toleranz anderen gegenüber (vgl. Kemmelmeyer 1979): Nur was die Kinder kennen, können sie ablehnen oder gut finden.

Untersuchungen zeigen, dass mit steigendem musikalischen Wissen die Offenheit für unterschiedliche Musikstile steigt (vgl. Rösing 1997). Erfahrungen aus Praxisprojekten in Schulen, in denen Kinder und Lehrer zusammen mit Musikern und Komponisten zusammen arbeiten, sich über das eigene Tun mit musikalischen Elementen auseinandersetzen und diese zu Kompositionen zusammensetzen, bestätigen, dass dieser Dialog mit verschiedenen Klangwelten und Hörerfahrungen die weitere Auseinandersetzung mit Musik jeglicher Art beeinflusst (vgl. Schneider 1997; Graefe-Hessler 2003; Mattick 2003). Auch weisen Untersuchungen darauf hin, dass durch musikalische Erfahrungen die emotionalen Anteile von Sprache besser entschlüsselt werden können und sich das Sprachverständnis generell verbessert (Altenmüller 2003).

In England beinhaltet aus diesem Grund der staatliche Lehrplan, dass jedes Kind im Alter von 5 bis 14 Jahren dazu angeleitet werden muss, zu komponieren, Musik auszuüben oder sie mit Verständnis zu hören.

Musik zum Anfassen


In beiden Projektjahren fand "Musik zum Anfassen" statt, in Kooperation mit einer Gruppe aus Musikern und Komponisten. Insgesamt nahmen vir "GanzOhrSein"- Schulen teil und 14 Klassen. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen arbeiteten die Musiker einmal pro Woche mit den teilnehmenden 3., 4. und 5. Klassen zu folgenden Themen: Stille - Musik hören, Was macht Musik?, Womit man Musik machen kann?, Musik selbst erfinden. Jede Veranstaltung wurde von einer anderen Instrumentengruppe begleitet: ein Bläserquintett, ein Streichquartett, Gesang Percussion-Instrumente, eine gemischte Besetzung aus Schlagwerk, Akkordeon, Saxophon, Piccoloflöte, Bassklarinette.


   

Grundbausteine jeder Veranstaltung waren Darbietungen von Musikstücken unterschiedlicher Stilrichtungen und Epochen durch die Musiker, das eigene Musizieren der Kinder sowie das "Anfassen", das Ausprobieren der Instrumente. Hörendes Erleben von Musik und aktives "Hörenmachen" im spielerisch-experimentellen Umgang mit Musik wechselten sich in jeder Veranstaltung ab. Zu jedem Thema wurde mit den Kindern ein eigenes Stück erarbeitet, grafisch auf einer großen Wandpartitur notiert und vertont, mit Körperinstrumenten, Raumklängen, Alltagsgegenständen und den Instrumenten der Musiker.

Am Ende der Reihe stand ein öffentliches Konzert mit den Kompositionen der Kinder neben Stücken der Musiker.



Entstanden sind sie aus selbsterfundenen Geschichten der Kinder:

Geschichte 1 (7 KB)
Geschichte 2 (7 KB)
Geschichte 3 (7 KB)

Ideen für die Unterrichtspraxis

Die im Projekt erarbeiteten Ideen für die Unterrichtspraxis werden im Frühjahr 2005 unter dem Titel "GanzOhrSein" in der Reihe "Praxis Impulse" des Westermann-Verlages veröffentlicht.

Im Lauf des Jahres 2005 wird ein Film zu dem Baustein Musik entstehen, der über die Unterrichtsmitschau der Ludwig-Maximilians-Universtität München zu beziehen ist.

Im Folgenden finden Sie einige Beispiele, auch aus der Arbeit innerhalb der Reihe "Musik zum Anfassen".

Stille hören - Klangkomposition der Stille

30 sec. lang in die Stille hören, eventuell mit verbundenen Augen

Stille hören mit der Höraufgabe, sich den Zeitpunkt des Gehörten zu merken: Was war eher am Anfang, in der Mitte, am Schluss?

Die gehörten Geräusche und Klänge werden auf eine große Wandpartitur aufgeschrieben und anschließend wieder von den Kindern reproduziert, unter Verwendung der eigenen Körperinstrumente (stampfen, patschen, klatschen, schnipsen), der Stimme und den Klängen der Gegenstände im Raum. Dabei geht es nicht unbedingt um eine realitätsgetreue Wiedergabe, sondern um künstlerische Gestaltung. Die entstandene Klangkomposition wird auf Kassette aufgenommen.

Alles kann Musik machen - Klangrunde

  • Wie klingen die Gegenstände im Raum? Welche klingen hell, dunkel, lang, kurz, laut, leise usw.?
  • Welche Klänge kann ich mit meiner Stimme erzeugen?
  • Welche Klänge stecken in meinem Körper? Kannst du laut, leise, schnell, langsam gehen? Und dazu mit den Händen klatschen: stampf - klatsch - stampf - klatsch?
  • Jedes Kind wählt sich einen eigenen Körperklang. Der Reihe nach werden die Klänge im Kreis vorgestellt. Jedes Kind bleibt bei seinem gewählten Klang, den es immer sofort im Anschluss an seinen Vorgänger spielt.
  • Dann beginnt die Klangrunde an zwei Stellen gleichzeitig. Können die Klänge sich einholen?
  • Auch mit Alltagsgegenständen kann man viele Instrumente bauen: Wie klingen verschiedene Materialien in Dosen, Schüsseln, Kronkorken auf einer Schnur aufgereiht an einen Kleiderbügel gespannt, Stifte, Lineale usw.?

Das menschliche Xylophon

Ca. 10 Kinder suchen sich einen besonderen Klang aus. Sie stellen sich nebeneinander und strecken eine Hand nach vorne. Ein Kind ist der Musiker. Wenn der Musiker die Hand eines Kindes berührt, macht dieses sein ausgesuchtes Geräusch. So spielt der Musiker (oder auch zwei Musiker gleichzeitig) das Xylphon und komponieren eine Klangmusik.

(Idee von Michael Bradke, Musikpädagoge und Klangkünstler)

Kompositionsspiele

Jedes Kind hat ein Instrument (selbstgebaut, Stimme, Körperinstrument, sonstige Instrumente).

  • Partnerkompositionen: Ein Kind beginnt mit einer Aktion, der Partner reagiert immer mit dem Gegenteil - auf einen hohen Ton mit einem tiefen, auf schnell langsam, auf laut mit leise usw. Im Klassenverband ergeben die Partnerspiele immer einen neuen Klassenklang.
     
  • Wenn - Dann - Komposition: Jedes Paar / jede Gruppe bekommt einen Würfel. Für jede Zahl wird eine Aktion festgelegt (z.B. bei 1 leise spielen, bei 2 schnell, bei 3 hoch, bei 4 lieblich usw.). Je nach gewürfelter Zahl spielt das Paar / die Gruppe entsprechend, so dass der Zusammenklang mit den anderen Gruppen sich immer ändert. Können die gewürfelten Zahlen auf einer Aufnahme nachvollzogen werden?
     
  • Komposition mit Dirigent: Es werden Zeichen mit bestimmten Aktionen vereinbart. Z.B. gehen alle Kinder im Kreis. Wenn der Dirigent sich verbeugt, dann dreht sich die Reihenfolge um.

Gruppenimprovisation

Material
große Bodenplakate mit folgenden Anweisungen: "Chaos, zusammen, wenig, laut, leise", Selbstgebaute Instrumente, Körperinstrumente oder sonstige Instrumente
ein großer Raum

Vorbereitung
Die Kinder bilden je nach Instrument, selbstgebastelt oder mit ihren Körperinstrumenten, Gruppen. Sie überlegen sich, wie sie die einzelnen Kompositionsanweisungen umsetzen wollen. Jede Gruppe macht mit dem "Dirigenten" ein Zeichen aus.

Durchführung
Der Dirigent steht in der Mitte, die Plakate sind auf dem Boden im Raum verteilt. Jede Gruppe beginnt an einem Anweisungsplakat zu spielen. Der Dirigent bestimmt mit den verschiedenen Zeichen, wann jede Gruppe zu einem freien Plakat wechselt. So ergeben sich immer wieder neue Klangkombinationen der verschiedenen Kompositionsanweisungen.

Klanggeschichte

Material
eine selbsterfundene Geschichte, Tapetenrolle zur Erstellung einer Wandpartitur

Vorbereitung
Die Kernstellen der Geschichte werden in Bildern und Symbolen als Wandpartitur festgehalten.

Die Wandpartitur wird mit allen zur Verfügung stehenden Klängen (Raumklänge, Körperinstrumente, Instrumente aus Alltagsgegenständen, Stimme, sonstige Instrumente) vertont und auf Kassette aufgenommen.

 

Filmmusik

Selbst gespielte Szenen (am besten pantomimisch) oder Szenen eines Films (am besten ohne Ton) werden mit unterschiedlicher Musik unterlegt. Wie ändert sich der Inhalt? Die Musik wird von den Kindern selbst ausgesucht oder es wird ein Inhalt festgelegt und dazu Musik erfunden.

Werbung

Die Musik einer Werbung wird ohne Bild ange"schaut". Für welches Produkt könnte mit dieser Musik geworben werden? Wieder kann auch selbst eine Musik erfunden werden.

Literaturtipps Altenmüller, E. (2003): Musikerziehung als "Brainjogging". Zu den Auswirkungen musikalischer Aktivität auf neuronale Netzwerke. In: Huber, L. & Kahlert, J., a.a.O., S. 16 - 35

Cslovjecsek, M. / Liechti, St./ Lischer, P. / Utz, J. (2004): Mathe macht Musik. Impulse zum musikalischen Unterricht mit dem Zahlenbuch 3 und 4. Klett und Balmer, Zug.

Cslovjecsek, M. / Liechti, St./ Lischer, P. / Utz, J. (2004): Mathe macht Musik. Impulse zum musikalischen Unterricht mit dem Zahlenbuch 5 und 6. Klett und Balmer, Zug.

Hagen, M. (1999): Werkhören in der Grundschule. In: Grundschule, Heft 2, S. 57 - 62.

Hagen, M. (2002): Hast du Töne! Hör- und Zuhörförderung mit Musik. In: Sache - Wort - Zahl, Heft 43, S. 1 - 4.

Huber, L. / Kahlert, J. (Hg.) (2003): Hören lernen. Musik und Klang machen Schule. Braunschweig (Die Einführung mit einem Überblick über die Beiträge des Bandes können Sie hier als pdf-Datei herunterladen.)

Graefe-Hessler, D. (2003): RESPONSE - neue musik macht schule. Komponisten mit Kindern und Jugendlichen im musikalischen Dialog. In: Huber, L. & Kahler, J., a.a.O., S. 104 - 112

Mattick, Ch. (2003): Musik zum Anfassen. Experimentelle Schulkonzerte. In: Huber, L. & Kahlert, J., a.a.O., S. 122 - 132

Polzin, M. / Schneider, R. / Steffen-Wittek, M.(Hg.) (1998): Musik in der Grundschule, Arbeitskreis Grundschule - Der Grundschulverband e.V., Frankfurt am Main

Rösing, H. (1997): Musikalische Sozialisation und Musikpädagogik. In: Einholzer, H. / Scheidegger, J. (Hg.): Persönlichkeitsentfaltung durch Musikerziehung. Aarau, S. 164 - 185

Storms, Ger (1984): Spiele mit Musik, Frankfurt am Main

Schneider, H. (1997): Das Projekt Klangnetze - ein (musikpädagogischer) Weg zu eigener Musik. Oder: Neue Musik aus der Schule. In: Blomann, K.-H. / Sielecki, F. (Hg.): Hören - eine vernachlässigte Kunst?, Herne, S. 159 - 167

Spychiger, M. (2000): Hören und Zuhören als Lernprozesse im Erweiterten Musikunterricht. In: Huber, L./Odersky, E. (Hg.): Zuhören - Lernen - Verstehen, Braunschweig

Kemmelmeyer, Karl-Jürgen (1979): Toleranztraining in der Musikpädgogik durch Abbau erworbener Hörbarrieren. In: Musik und Bildung 11 (1979), S. 107 - 113

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